Geschichte des Hauses

Geschichte des Hauses

Das heutige Gasthaus und Cafe Vitusstüberl am Stadtplatz hat eine sehr lange Tradition als Gasthaus, einen ersten Hinweis geben die Landshuter Gerichtsakten von 1614/15. Darin wird von einem Andree Liebl, Bräu und Gastwirt zu Neumarkt berichtet, der gegen Kammer und Rat von Neumarkt wegen eines strittigen „heimlichen Gemachs“ (Abtritt, Klo) gegen das Pfleghaus hinüber prozessiert. Als nächstes wird 1678 der Bierbrauer Daniel Luger und seine Frau Maria Frellermayr erwähnt, die schlechtes Bier ausgeschenkt haben. 1684 heiratet der Hausherr nach dem Tode seiner Frau erneut und zwar Maria Häglsperger. 1692 stirbt auch diese und Daniel Luger heiratet die 20 Jahre jüngere Helena Spänner (1675-1728), Tochter vom Georg und Elisabeth Spänner, die selber eine Brauerei in Neumarkt besitzen. Als Daniel Luger im Jahre 1710 stirbt, heiratet seine Witwe Helena den Bierbrauer August Kumpfmüller (1679-1721). Nach dessen Ableben heiratet Helena 1722 den Bierbrauer Johann Jakob Strobl (1675-1750). Im Jahre 1728 heiratet die Tochter Elisabeth aus der ersten Ehe mit Daniel Luger den Bierbrauer Adam Hölzl (1678-1742) und übernimmt den Betrieb.

In der Marktkammerrechnung von 1742 steht über Adam Hölzl, das er auf die Gant gekommen ist (pleite gegangen) und der Abt von St.Veit seine Braustätte ersteigert hat. Der Abt verkauft das Gebäude wieder und kommt so in den Besitz von Mathias Reiter (1701-1766) der im Benediktinerstift St.Veit als Klostermetzger beschäftigt war. Seit dieser Zeit trug das Lokal den Namen „Gasthaus zum Klostermetzger“. Die Gastwirtschaft besaß die sogenannte radizierte Taferngerechtigkeit, das bedeutete, dass die Wirtsgerechtigkeit an Grund und Boden und nicht an eine Person gebunden war. Demnach durfte der Wirt sein Bier selber brauen und Gäste beherbergen, Speisen verabreichen und neben Bier auch Wein ausschenken. Zudem wurden diesen speziellen Gaststätten meist gewisse Erleichterungen von der sonst strengen Sperrzeitverordnung zugestanden.

Ein kleines Geheimnis in der Hausgeschichte findet sich im Jahre 1747, als der Gastwirt Mathias Reiter ein 14-jähriges Mädchen als „Kuchlmensch“ einstellte. Das Mädchen war 1733 in Neumarkt als lediges Kind zur Welt gekommen und hieß Maria Pauer. Nach ihrer ersten Anstellung in Neumarkt ist sie dann 1748 als „Kindsmensch“ zum Höllschmied Jakob Altinger in die Katharinenvorstadt nach Mühldorf gekommen. Dort wurde sie der Hexerei bezichtigt, angeklagt, im Jahr 1750 zum Tode verurteilt und anschließend in Salzburg auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Schicksal der sog. „Mühldorfer Hexe“ ist sie in die Geschichtsbücher eingegangen als einer der letzten Hexenprozesse in Bayern.

Zum Gasthaus gehörte eine kleine Landwirtschaft und im 19. Jahrhundert zusätzlich eine Lohnkutscherei. Im Jahr 1786 wird das gesamte Gebäude, wie schon 1706 ein Raub der Flammen und muss neu aufgebaut werden. Alte Gemälde (1786, 1841) und Fotografien (1865) zeigen die Hausfassade noch mit einem angebauten Erker. Im Jahre 1875 erwirbt der Landwirt Josef Feichtmaier aus Niederbergkirchen das Gasthaus, das nun über vier Generationen im Besitz der Familie bleibt. 1907 eröffnet Hans Feichtmaier in der südlich gelegenen Haushälfte im Parterre zusätzlich zum Gasthaus ein Uhren- und Schmuckgeschäft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird im Jahre 1948 das Uhrengeschäft von Josef Feichtmaier wieder geöffnet, die Gastwirtschaft jedoch verpachtet. Der Heimatvertriebene Karl Lang übernimmt die Wirtschaft und gibt ihm den Namen „Gasthaus Oberes Tor“. Ihm folgt 1958 das Pächterehepaar Karl und Maria Huber, die das Lokal als „Stadtschänke“ aber nur mehr ein Jahr weiterführen.

Im Sommer 1959 geht die lange Tradition des Hauses als Gaststätte vorläufig zu Ende. Das Gastzimmer wird von der Raiffeisenbank Neumarkt-Sankt Veit zu Geschäftsräumen umgestaltet. Im Zuge dieser Umbauarbeiten fällt auch der Erker der Neugestaltung der Fassade zum Opfer. Die neuen Räumlichkeiten erweisen sich aber schon nach kurzer Zeit für den wachsenden Bankbetrieb als zu klein. Das alte Klostermetzgerhaus wird von Manfred Feichtmaier noch einmal umgebaut, der Hauseingang verlegt und ein modernes Optikergeschäft in die freigewordenen Bankräume eingerichtet. Die Hausfassade erhält 1968 ihr heutiges Aussehen, das alte Satteldach wird abgerissen und durch ein neues Pultdach ersetzt. Dieser Umbau hat zur Folge, dass der alte Spitzgiebel aufgemauert und zu einer Blendmauer umgestaltet werden muss. Im Spätherbst 2007 hat Frau Roswitha Senftl das Haus erworben und zu einem Weinlokal mit Cafe umgebaut. Dazu passend wurde die Fassade optisch neu gestaltet und mit einem Wandbild versehen. Mit dem „Vitusstüberl“ ist es der neuen Besitzerin gelungen, an die über viele Jahrhunderte alte Tradition des Hauses als Gastwirtschaft anzuknüpfen und damit das gesellschaftliche Leben in der Stadt Neumarkt-Sankt Veit zu bereichern.



Kleine Weingeschichte von Neumarkt-Sankt Veit

Wer die ersten Weintrinker in Neumarkt-Sankt Veit gewesen waren, wissen wir heute nicht mehr. Vermutlich dürften es die Benediktinermönche sein, die nach der Verlegung ihrer Abtei im Jahre 1171 von Elsenbach auf den heiligen Vitusberg gekommen waren. Durch viele Schenkungen von Adeligen vergrößerte sich ihr Kloster rasch. Bereits im 13. Jahrhundert erhält die Abtei  mehrere Weinberge im heutigen Österreich, vor allem in Hametten und bei Krems an der Donau. Den Mittelpunkt bildete der sogenannte Treiblhof, von wo aus das Kloster St. Veit alljährlich mit Messwein und dem Haustrunk für die Mönche versorgt wurde.

Im Dreißigjährigen Krieg wurden diese Weinberge zerstört und die Versorgung mit dem edlen Saft brach zusammen. Versuche, einen Wein an einem Südwesthang neben dem Kloster in Sankt Veit selbst herzustellen, scheiterten kläglich und so begann man im Jahre 1643 notgedrungen mit der Produktion von Bier. Bei der Aufhebung des Klosters im Jahre 1802 waren bei einer Inventur neben Bier auch noch eine große Menge an Wein vorhanden, was beweist, dass bis zum Ende der Abtei der Wein nach wie vor eine erhebliche Rolle bei der Versorgung der Klosterbrüder gespielt hatte.

Aber nicht nur für die Patres waren die guten Tropfen gedacht, sondern auch für die zahlungskräftigen Bürger des Marktes. Innerhalb der Klostermauern gab es eine Klosterschänke, in der die Besucher unbehelligt von ihren Frauen ihre Trinkfreude ausleben konnten, was natürlich den Unmut der konkurrierenden Weinwirte im Markt heraufbeschwor. Amtskammerer (Bürgermeister) und Räte zu Neumarkt beschwerten sich 1497, dass der Abt durch Schenken und Hochzeithalten beschwerlich Neuerungen gegen sie vornehme. Dieser erwiderte, dass das Weinschenken immer stattgefunden und uraltes Herkommen sei. Jedem Gast, der ein Viertel Wein trank oder sich holen ließ, gab man zwei Laib Brot dazu.

Wann innerhalb des Marktes erstmals Wein ausgeschenkt worden ist, lässt sich heute nicht mehr genau bestimmen. Dass in Neumarkt der Wein schon weit vor dem Bier ausgeschenkt wurde, lässt sich aus dem großen "Freiheitsbrief" des Jahres 1366 entnehmen. Darin steht geschrieben, was für ein Wein für welchen Preis ausgeschenkt werden darf und welche Strafen es nach sich zieht, wenn man diese Vorschrift nicht einhält. "Man sol auch geben ain vyrtail wälhisch (italienischen) weins umb VI Pfennig, den frangchen (fränkisch)  umb III, den Osterwein um III, den Met (Honigwein) um III, und das mas auf den Tyesch, swer das prichet, der ist schuldig dem Richter XXX, der Stat XXX, dem Schergen IIII (Kreuzer)." Von einem Bierverkauf zu jener Zeit finden sich keinerlei Hinweise in dieser Urkunde.

Weinwirte hat es über die Jahrhunderte in Neumarkt immer gegeben, auch wenn ab dem 15./16. Jahrhundert langsam auch das Bierbrauen in Mode kam. Viele der Weinwirte waren angesehene Bürger und nicht selten im Marktmagistrat vertreten oder sogar "Amtskammer". In einem Tauschbrief aus dem Jahre 1801 wird Ignatz Cajetan Schötz als "Amtskammer" und Weinwirt genannt; ihm gehörte der Bauernhof am oberen Vormarkt, den die Neumarkter bis vor ein paar Jahren noch als Buchnerwirt kannten. 1844 werden in einer Ortsstatistik zwei Weinlokale erwähnt. Die letzten Weinstuben befanden sich im Hause Fortmühler an der Abzweigung nach Sankt Veit und im Gebäude der alten Lebzelterei Blumschein am Johannesplatz. Das Gasthaus"Vitusstüberl" setzt nun nach über 50 Jahren Pause eine alte Tradition fort, die bereits seit rund 700 Jahren in Neumarkt-Sankt Veit nachweisbar ist. Neben den großen Angeboten an regionalen Bierspezialitäten werden im Vitusstüberl auch erlesene Weine ausgeschenkt, die direkt von den jeweiligen Erzeugern bezogen werden.

Walter Jani




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